Kurz gesagt: Eine regenerative Wirtschaft richtet ihre Regeln an der Gesundheit der Natur und an einem guten Leben für alle Menschen aus. Sie arbeitet mit den Kreisläufen von Wasser, Nährstoffen und CO₂, stärkt die Gemeinschaften ihrer Region und belohnt jene, die zur Gesundheit von Mensch und Natur beitragen.
Dieser Beitrag ist ein übersetzter und ergänzter Auszug aus meinem Skriptum für die Nachhaltigkeitsvorlesung an der Fachhochschule Kufstein. Was „regenerativ“ überhaupt bedeutet und wie es sich von „nachhaltig“ unterscheidet, erkläre ich im Leitartikel Was bedeutet regenerativ?
Welches Ziel verfolgt eine regenerative Wirtschaft?
Eine regenerative Wirtschaft verschreibt sich einem gesunden bioregionalen System und dem Zusammenspiel von Mensch und Natur darin. Eine Bioregion ist ein Gebiet, das von seinen natürlichen Gegebenheiten geprägt ist: von Flusstälern, Böden, Klima und den Menschen, die dort leben.
Die wirtschaftlichen Regeln richten sich an der Gesundheit der Natur aus, die uns umgibt, und an einem guten Leben für uns alle. Was wäre, wenn die Spielregeln jene gewinnen ließen, die am meisten zur Gesundheit und zum Wohlbefinden von Mensch und Natur beitragen? Wie sähe ein Wirtschaftssystem dann aus?
Ökologisch regenerativ: im Fluss natürlicher Kreisläufe
Ökologisch regenerativ ist ein Prozess dann, wenn er im Einklang mit den natürlichen Kreisläufen von Nährstoffen, Wasser und CO₂ arbeitet und so zur Gesundheit eines Ökosystems beiträgt. Die Geschäftsprozesse einer regenerativen Wirtschaft bewegen sich also innerhalb der Flüsse natürlicher Systeme, im Englischen „Flows“ genannt.
Wie weit dieser Rahmen reicht, zeigen die planetaren Grenzen. Sie beschreiben neun Belastungsgrenzen der Erde, innerhalb derer wir Menschen sicher leben und wirtschaften können.
Sozial regenerativ: Gemeinschaft stärken
Im sozialen Kontext handelt ein regeneratives Unternehmen mit dem Ziel, das Wohlergehen eines breiten Kreises zu verbessern. Neben Kundschaft und Kapitalgebenden profitieren auch benachteiligte Gruppen und die Gemeinschaft, in der das Unternehmen tätig ist.
Ein Beispiel: Ein interkulturelles Food-Festival, das Menschen aus einem Stadtviertel gemeinsam organisieren, stärkt den Zusammenhalt weit mehr als ein klassisches Konzert auf einer Festspielbühne. Alle bringen etwas mit, alle lernen einander kennen, und das Viertel wächst zusammen.
Die Wirtschaft als Teil von Gesellschaft und Natur
In der Fachliteratur gilt die Wirtschaft als Teil der Gesellschaft und die Gesellschaft wiederum als Teil der Natur. Man spricht von einem sozial-ökologischen System. John Fullerton, früher Managing Director bei JP Morgan und heute Gründer des Capital Institute, teilt diese Sicht und beschreibt regeneratives Wirtschaften so:
„Wirtschaftliche Stärke ist ein Produkt menschlicher und gesellschaftlicher Vitalität, die auf ökologischer Gesundheit und der integrativen Entwicklung menschlicher Fähigkeiten und Potenziale beruht.“
John Fullerton, 2015, S. 40 (eigene Übersetzung)
Jenseits von links und rechts: ein neues Ziel für die Wirtschaft
Regenerative Ökonomie steht jenseits der alten Frage Smith oder Marx, links oder rechts. Sie bringt einen Paradigmenwechsel im Wirtschaftsverständnis und gibt der Wirtschaft ein neues Ziel. Fullerton beschreibt sie als
„[…] eine wirksame Integration des Besten von rechts und links, kombiniert mit einem modernen wissenschaftlichen Verständnis darüber, wie das Universum tatsächlich funktioniert, das wir übrigens im Zeitalter von Adam Smith oder Karl Marx noch nicht hatten!“
John Fullerton, 2015, S. 39 (eigene Übersetzung)
Aus dem linken Denken nimmt die regenerative Ökonomie die Bedeutung von Gerechtigkeit mit und die Einsicht, dass hohe und wachsende Ungleichheit auf Dauer nicht trägt. Aus dem rechten Denken nimmt sie die Dynamik eines freien Unternehmertums mit, das die Kreativität und Tatkraft einzelner Menschen nutzt.
Wir dürfen also einen Schritt zurücktreten und fragen: Worüber wird politisch gerade kaum debattiert, und was greifen die Medien selten auf? Welche Leitsterne treiben die Wirtschaft heute an, und welche könnten es morgen sein?
Prinzipien einer regenerativen Wirtschaft
Eine regenerative Wirtschaft fördert ein gesundes bioregionales System. Sie denkt die Natur und das Wohlbefinden der Menschen in der Region zusammen und sichert das langfristige Wohlergehen der Gemeinschaften. Daraus ergeben sich sechs Prinzipien:
- Regeln mit Richtung: Das Geld- und Bankensystem und die Steuergesetzgebung sorgen dafür, dass sozial und ökologisch schädliche Praktiken keinen Raum finden oder wirksam ausgeglichen werden.
- Das rechte Maß: Übermäßige Ansammlungen von Geld, Macht und Besitz haben ebenso wenig Platz wie das Streben nach immer mehr Produktion und Konsum.
- Fürsorge als Fundament: Pflege und Fürsorge, von der Altenpflege und Mutterschaft bis zur Renaturierung von Landschaften, sind im Geld- und Finanzsystem strukturell verankert und abgesichert.
- Kreisläufe schließen: Die Kreislaufwirtschaft steht im Zentrum. Materialien bleiben im Umlauf und kehren nach ihrer Nutzung in biologische oder technische Kreisläufe zurück.
- Gemeinschaften versorgen sich: Gemeinschaften, die Wohlstand und Versorgung schaffen, etwa solidarische Landwirtschaften, spielen eine tragende Rolle.
- Grundversorgung aus der Region: Lebensmittel, Energie und andere Güter des täglichen Bedarfs kommen stärker aus der eigenen Region.
Die acht Prinzipien des regenerativen Kapitalismus nach John Fullerton
Die folgenden Prinzipien habe ich von John Fullerton übernommen. Er hat sie 2015 in „Regenerative Capitalism“ aus der Beobachtung lebender Systeme abgeleitet:
- In rechter Beziehung: Wir Menschen sind Teil des Netzes des Lebens, und alles hängt miteinander zusammen.
- Wohlstand ganzheitlich sehen: Wohlstand misst sich am Wohlergehen des Ganzen.
- Innovativ, anpassungsfähig, reaktionsfähig: Lebendige Systeme lernen und passen sich an veränderte Bedingungen an.
- Ermächtigte Teilhabe: Alle Teile eines Systems tragen zur Gesundheit des Ganzen bei und haben eine Stimme.
- Gemeinschaft und Ort wertschätzen: Jede Region hat ihre eigene Geschichte, Kultur und Ökologie.
- Fülle an den Rändern: An den Übergängen zwischen Systemen entsteht besonders viel Neues.
- Robuster Kreislauf: Geld, Wissen und Ressourcen zirkulieren durch das ganze System.
- Balance suchen: Effizienz und Widerstandskraft, Zusammenarbeit und Wettbewerb halten einander die Waage.
Regenerative Wirtschaft in der Praxis
Ein Modell, das ökologische Grenzen und soziale Grundbedürfnisse zusammenbringt, ist die Donut-Ökonomie von Kate Raworth. Mehr dazu liest du im Beitrag Doughnut Economics: ein neues Modell für eine nachhaltige Wirtschaft im 21. Jahrhundert.
Wie Unternehmen innerhalb der planetaren Grenzen Produkte entwickeln, die Umwelt und soziale Strukturen zugleich stärken, zeigt der Beitrag Nachhaltige Produktentwicklung neu denken.
Regenerativ wirtschaften braucht systemisches Denken
Eine regenerative Wirtschaft entsteht aus vielen Entscheidungen in Unternehmen, Vereinen und Gemeinden. Wer sie mitgestaltet, braucht einen Blick für Wechselwirkungen, Rückkopplungen und Hebelpunkte. Genau diesen Blick schult systemisches Denken. Wie das geht und warum es zu besseren Entscheidungen führt, erfährst du auf unserer Seite Systemisches Denken: bessere Entscheidungen in komplexen Zeiten.
Häufige Fragen zur regenerativen Wirtschaft
Was ist eine regenerative Wirtschaft?
Eine regenerative Wirtschaft richtet ihre Regeln an der Gesundheit der Natur und am Wohlergehen aller Menschen aus. Sie arbeitet mit natürlichen Kreisläufen, stärkt Gemeinschaften in ihrer Region und verankert Fürsorge im Finanzsystem.
Was ist der Unterschied zwischen nachhaltiger und regenerativer Wirtschaft?
Nachhaltiges Wirtschaften verringert Schäden und schont Ressourcen. Regeneratives Wirtschaften stärkt zusätzlich die Systeme, von denen es lebt: Böden, Ökosysteme und Gemeinschaften. Mehr dazu im Leitartikel Was bedeutet regenerativ?
Ist eine regenerative Wirtschaft links oder rechts?
Sie verbindet beides. Vom linken Denken übernimmt sie den Fokus auf Gerechtigkeit, vom rechten die Dynamik freien Unternehmertums. Ihr Maßstab ist die Gesundheit von Mensch und Natur.
Woher kommt der Begriff regenerativer Kapitalismus?
Geprägt hat ihn vor allem John Fullerton mit seinem Bericht „Regenerative Capitalism“ (2015). Darin leitet er acht Prinzipien aus der Beobachtung lebender Systeme ab.
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Quelle: Fullerton, J. (2015): Regenerative Capitalism. How Universal Principles and Patterns Will Shape Our New Economy. Greenwich, CT: Capital Institute.


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