Komplexe Systeme bestehen aus vielen Teilen, die aufeinander reagieren und dabei zwar Muster zeigen, aber nicht berechenbar sind. Was in der Theorie fürchterlich schwierig klingt, lässt sich anhand von zwei Beispielen aber leicht verstehen:
Als ich zum ersten Mal in eine fremde Stadt gezogen bin, war ich für ein paar Wochen komplett verloren. Ich bin falsch abgebogen, habe den Bus in die verkehrte Richtung genommen, bin zu spät gekommen. Und dann, irgendwann, hatte ich die Stadt im Kopf. Ich brauchte die Karte nicht mehr.
Als ich zum ersten Mal einen Garten angelegt habe, war ich auch verloren. Nur ging das nicht vorbei.
Ich habe alles richtig gemacht — gelesen, geplant, die Pflanzen gepflegt. Manches ist gewachsen, manches nicht. Im zweiten Jahr habe ich dasselbe gemacht und andere Ergebnisse bekommen. Es gab keine Karte, die ich mir hätte merken können. Nach vielen Jahren jedoch erkenne ich Muster, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es gelingt.
Der Unterschied zwischen diesen beiden Erfahrungen hat einen Namen. Und wer ihn versteht, trifft in seinem Arbeitsfeld deutlich bessere Entscheidungen.
Kompliziert heißt: schwierig, aber lernbar
Ein kompliziertes Problem ist eines, das viele Teile hat, aber verlässlichen Regeln folgt. Es ist schwer — aber es ist erlernbar, nachbaubar und modellierbar.
Eine Stadt ist kompliziert. Ein Uhrwerk ist kompliziert. Eine Steuererklärung ist kompliziert. Bei allen dreien gilt: Es gibt Fachleute, die es können. Es gibt einen richtigen Weg – einen Plan. Und wenn du dasselbe zweimal machst, passiert zweimal dasselbe.
Der entscheidende Punkt: Bei komplizierten Problemen funktioniert Planung. Du kannst vorher wissen, was hinten herauskommt. Deshalb fliegen Flugzeuge zuverlässig und deshalb kommt Zug da an, wo er ankommen soll – meistens 🙂
Komplex heißt: lebendig — und nicht vorhersagbar
Ein komplexes System besteht aus Teilen, die aufeinander reagieren. Dadurch entsteht Verhalten, das sich nicht aus den Teilen ableiten lässt. Ein Garten. Ein Team. Eine Stadtgesellschaft. Ein Klimasystem.
Hier greift Planung nur begrenzt. Nicht, weil du zu wenig weißt — sondern weil das System sich verändert, während du es beobachtest. Dieselbe Maßnahme kann zweimal völlig unterschiedlich wirken.
Die folgenden vier Eigenschaften helfen dir komplexe Systeme besser zu verstehen:
1. Sie lassen sich abgrenzen
Jedes System hat eine Grenze. Manchmal ist sie physisch — eine Insel, ein Körper, ein Gebäude. Manchmal ist sie gedacht: Mein Permakulturgarten ist ein System, weil ich entscheide, dass er eines ist. Er ist auch Teil eines größeren komplexen Ökosystems auf meinem Berg. Wo ich die Grenze stecke, hängt auch mit der Funktion, Zweck zusammen die ich betrachten möchte, wenn ich das System definiere.
2. Sie haben einen Zweck oder eine Funktion
Jedes System tut etwas. Der Garten ernährt Menschen und hält ein Stück Natur gesund. Ein Acker in industrieller Bewirtschaftung erzeugt Geld. Beides sind Systeme, beide haben Pflanzen und Boden — aber sie sind auf Unterschiedliches ausgerichtet, und deshalb verhalten sie sich unterschiedlich.
Donella Meadows hat darauf bestanden, dass der Zweck eines Systems nicht das ist, was in seinem Leitbild steht, sondern das, was es tatsächlich hervorbringt. Ein unbequemer, sehr nützlicher Satz.
3. Ihre Teile hängen voneinander ab
Interdependenz bedeutet: Wie es einem Teil geht, hängt davon ab, wie es den anderen geht. Der Zustand des Bodens beeinflusst den der Pflanze. Der der Pflanze wiederum beeinflusst den der Insekten und dies wiederum wirken zurück auf den Boden.
In Organisationen ist es genauso, nur weniger sichtbar. Jede Aktivität einer Abteilung wirkt auf die ganze Organisation. Wie die Menschen in den anderen Abteilungen darauf reagieren ist, nicht mechanistisch vorgeschrieben, sondern hängt davon ab, wer darauf reagiert und in welchem Gesamtzustand die Person an diesem Tag ist. Diese Reaktion wiederum trägt weitere Wellen in wiederum andere Abteilungen.
4. Sie bringen Eigenschaften hervor, die kein Teil besitzt
Das ist die wichtigste Eigenschaft — und die, über die am wenigsten gesprochen wird. Deshalb wollen wir hier noch mal tiefer hineinschauen.
Emergenz: Wenn das Ganze etwas kann, das keiner seiner Teile kann
Emergente Eigenschaften sind Eigenschaften eines Systems, die keines seiner einzelnen Teile besitzt. Sie entstehen aus dem Zusammenspiel — nicht aus den Bestandteilen.
In meinem Garten ist die Biodiversität so eine Eigenschaft. Keine einzelne Pflanze ist die Vielfalt. Und ich kann sie nicht herstellen — ich kann nur Bedingungen schaffen: Strukturen, Wasser, Ruhe, Zeit. Dasselbe gilt für die Atmosphäre eines Gartens, dieses Gefühl, gerne dort zu sein. Es sitzt in keinem einzelnen Beet oder Baum.
Zwei weitere Beispiele machen es greifbar.
Gemeinsam Musik machen. Vier Menschen singen oder trommeln zusammen. Jede Stimme für sich ist eine Stimme. Und dann entsteht irgendwann etwas dazwischen: ein Klang eine Stimmung, die dich trägt und bewegt. Du kannst keine Person herausnehmen und sie hat die Stimmung gemacht. Genauso kann eine Person alleine nicht dieses Ergebnis planen und umsetzen. Man kann nur die Bedingungen schaffen: aufeinander hören, gemeinsames Tempo, genug Übung, Vertrauen.
Die Atmosphäre in einer Gruppe. Du betrittst einen Raum, in dem zehn Menschen arbeiten, und weißt nach zwanzig Sekunden, ob hier Vertrauen herrscht oder Vorsicht. Bevor jemand ein Wort gesagt hat. Vertrauen ist nirgendwo gespeichert — nicht in der Führungskraft, nicht im Leitbild, nicht in einzelnen Personen. Es entsteht aus tausenden kleinen Interaktionen. Und es ist trotzdem vollkommen real: Es entscheidet darüber, ob jemand einen Fehler meldet oder verschweigt.
Die Testfrage
Wenn du wissen willst, ob eine Eigenschaft emergent ist, stell diese Frage:
„Zeig mir das Teil, in dem diese Eigenschaft steckt.“
Zeig mir die Biodiversität. Zeig mir den Klang. Zeig mir das Vertrauen. Wenn du nicht zeigen kannst — dann ist es emergent. Dann hast du es mit einem komplexen System zu tun.
Und ja, Emergenz kann auch wehtun
Es wäre unehrlich, Emergenz nur als etwas Schönes zu beschreiben. Auch eine Angstkultur emergiert. Niemand hat sie beschlossen, niemand wollte sie, jede einzelne Person würde sie ablehnen — und trotzdem ist sie da.
Was das für deine Entscheidungen bedeutet
Wenn du ein komplexes Problem wie ein kompliziertes behandelst, passiert immer dasselbe: Du planst sorgfältig, setzt um, und das Ergebnis weicht ab. Dann planst du sorgfältiger. Das Ergebnis weicht wieder ab. Irgendwann regt sich Zweifel an den Fähigkeiten im Team und es werden Schuldige gesucht.
Doch der Fehler lag darin, ein komplexes Problem mit Strategien für ein kompliziertes Problem lösen zu wollen.
Es gibt drei Perspektivenwechsel, die uns beim Arbeiten an komplexen Problemen helfen:
vom Kontrollieren zum Beeinflussen
Wer Systeme versteht, hört auf zu fragen: Wie bekomme ich das unter Kontrolle? — und beginnt zu fragen: Welche Bedingungen schaffe ich, damit das Richtige wachsen kann? Das fühlt sich vielleicht im ersten Moment nach aufgeben an, führt aber in Systemen, mit komplexer Dynamik eher zu einem guten Ergebnis.
Konstruieren zum Kultivieren
In Komplexen Systeme beginnen wir Rahmen zu kultivieren, die das gewünschte Ergebnis liefern sollen. Wir fragen nicht: Wie sieht der Prozess im Detail aus? sondern Welche Ausrichtung und welche Rahmen braucht es um die Ziele zu erreichen?
Vorhersagen zum Richtung geben
Wir lassen die Idee los das Ergebnis genau zu bestimmen also zu sagen: Mein Garten muss dieses Jahr 80 kg. Kartoffeln, 5 Kübel Äpfel und 200 Karotten produzieren und stellen statt dessen die Qualität in den Vordergrund mit Ziele wie: Mein Garten liefert unterschiedliches Obst und Gemüse, mit dem wir unsere Vorräte für den Winter gut auffüllen können.


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