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Systemisches Denken: Muster erkennen statt Symptome bekämpfen

Systemisches Denken heißt, in Mustern zu denken statt in Einzelereignissen. Wer nur das Ereignis sieht, reagiert darauf. Wer erkennt, was es hervorbringt, kann dort eingreifen, wo es entsteht.

Externe Lektorin für Nachhaltigkeit an der HOK Hochschule Kufstein Tirol

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Warum einfache Lösungen hier nicht greifen

Alles hängt mit allem zusammen — und je genauer man hinsieht, desto schwerer fällt der erste Schritt. Genau an dieser Stelle setzt systemisches Denken an.

Es geht nicht darum, Komplexität zu vereinfachen. Es geht darum, sie so weit zuzulassen, dass Entscheidungen tragfähig werden. Wer in Mustern denkt, sieht nicht mehr Probleme als vorher, sondern weniger — weil viele davon dieselbe Wurzel haben.

Du willst erst verstehen, wie diese Denkweise funktioniert?

Zwei Beiträge, die tiefer einsteigen. Danach kommst du hierher zurück.

Systemisches Denken und lineares Denken: vier Unterschiede

Emergenz, Kreisläufe, Beziehungen, Synthese — und was passiert, wenn man nur bei den sichtbaren Ereignissen ansetzt.

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Weil an ihnen auf der falschen Ebene gearbeitet wird. Sichtbar ist nur, was über der Erde wächst. Darunter liegen drei Ebenen, die bestimmen, ob überhaupt etwas wächst — und was.

Ereignisse

Was gerade passiert ist. Hier setzen die meisten Maßnahmen an — und hier wirken sie am kürzesten.

Muster und Trends

Was sich wiederholt. Sichtbar erst, wenn man mehrere Ereignisse nebeneinanderlegt statt jedes einzeln zu behandeln.

Strukturen

Regeln, Rollen, Abläufe und Ressourcenflüsse, die diese Muster hervorbringen. Hier liegen die wirksamen Ansatzpunkte.

Mentale Modelle

Die unausgesprochenen Überzeugungen, aus denen die Strukturen entstanden sind. Am schwersten zu ändern, mit der größten Reichweite.

Ein Beispiel: Übergewicht bei Kindern

Du kennst die Modelle. Im Alltag fehlt die Zeit, sie anzuwenden — und meist auch jemand, mit dem du auf Augenhöhe durchdenken kannst. Deshalb hier ein Durchgang an einem Fall, den man nachprüfen kann.

Übergewicht bei Kindern nimmt zu. Die übliche Antwort darauf sind Aufklärungsbroschüren, Ernährungsunterricht und Kampagnen. Das ist billig, niemand widerspricht — und es verändert wenig. Weil es beim Ereignis ansetzt.

Das Muster: Es trifft nicht alle gleich. Kinder aus ärmeren Haushalten sind deutlich stärker betroffen, und das seit Jahrzehnten. Ein Problem, das einem Einkommensgefälle folgt, ist kein Problem mangelnden Wissens.

Die Struktur: Zuckerhaltige Produkte sind billig, überall verfügbar und werden massiv beworben. Für Hersteller gibt es keinen Grund, daran etwas zu ändern — im Gegenteil.

Das mentale Modell: Ernährung ist Privatsache, denn Konsumentinnen und Konsumenten sind mündig. Und Eingriffe schaden der Wirtschaft. Solange diese beiden Sätze gelten, bleibt nur die Broschüre.

Was passiert, wenn man eine Ebene tiefer ansetzt

Großbritannien hat 2016 eine gestaffelte Abgabe auf zuckerhaltige Getränke angekündigt und sie 2018 eingeführt. Sie trifft nicht die Kundschaft, sondern Hersteller und Importeure: ab 8 Gramm Zucker je 100 Milliliter 24 Pence pro Liter, zwischen 5 und 8 Gramm 18 Pence, darunter nichts.

Das Ziel war ausdrücklich nicht, Getränke zu verteuern, sondern die Rezepturen zu verändern. Deshalb lagen zwischen Ankündigung und Einführung zwei Jahre — Zeit, um umzustellen.

Das Ergebnis: Der Anteil abgabepflichtiger Getränke mit mehr als 5 Gramm Zucker sank um 34 Prozentpunkte. Über 45.000 Tonnen Zucker verschwanden aus britischen Erfrischungsgetränken. Und eine Untersuchung fand einen Rückgang von Übergewicht bei zehn- und elfjährigen Mädchen — am deutlichsten bei den Kindern aus den ärmsten Verhältnissen, also genau dort, wo das Muster am stärksten war.

Das Eleganteste daran: Das mentale Modell wurde gar nicht bekämpft. Niemandem wurde etwas verboten, niemand musste umerzogen werden. Es hat sich schlicht das Angebot verändert — und damit die Entscheidung, die im Supermarkt überhaupt zur Wahl steht.

Genau das meint systemisches Denken: nicht mehr Anstrengung an derselben Stelle, sondern dieselbe Anstrengung eine Ebene tiefer.

Zahlen aus der Forschung zur Soft Drinks Industry Levy, unter anderem Scarborough et al. und den Auswertungen des World Cancer Research Fund. Die Studien sprechen von Zusammenhängen, nicht von bewiesener Ursächlichkeit.

Drei Dinge, die du ab morgen anders machen kannst

Systemisches Denken beginnt nicht mit einem Werkzeugkasten, sondern mit drei Fragen, die man sich angewöhnen kann.

Nach der Nebenwirkung fragen

Bevor eine Maßnahme beschlossen wird: Was löst sie an anderer Stelle aus? Meist gibt es eine Antwort, sie wird nur selten gesucht.

Verzögerung mitdenken

Wirkung kommt selten sofort. Wer zu früh nachsteuert, weil noch nichts zu sehen ist, verstärkt das Problem oft, statt es zu lösen.

Auf die Häufigkeit schauen

Bei wiederkehrenden Problemen nicht das einzelne Ereignis anschauen, sondern wie oft es auftritt. Die Häufigkeit zeigt auf die Struktur dahinter.

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Woher dieses Denken kommt

Systemisches Denken ist keine Erfindung der Beratungsbranche. Es hat eine belegte Herkunft, und wer damit arbeitet, sollte sie kennen.

1950er

Jay W. Forrester

Entwickelte am MIT die System Dynamics und zeigte, dass sich das Verhalten komplexer Systeme aus Rückkopplungen und Verzögerungen erklären lässt.

1970er

Donella Meadows

Machte diese Modelle mit „Die Grenzen des Wachstums“ öffentlich wirksam und formulierte später die Hierarchie der Hebelpunkte: welche Eingriffe viel bewegen und welche wenig.

1990er

Peter Senge

Übertrug das Denken in „Die fünfte Disziplin“ auf Organisationen und beschrieb die Archetypen: wiederkehrende Muster, die sich in ganz verschiedenen Feldern gleich verhalten.

Ich unterrichte systemisches Denken als externe Lektorin für Nachhaltigkeit an der HOK Hochschule Kufstein Tirol und arbeite damit in der Begleitung von Organisationen. Die praktischen Werkzeuge stammen aus dieser Linie: Wirkungsdiagramme, Archetypen, die Hebelpunkte-Hierarchie, Backcasting.

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