Höhere Denkfähigkeiten in Zeiten von KI: Warum systemisches Denken jetzt zählt

Neulich bin ich über einen TED-Talk gestolpert, der mich nicht mehr losgelassen hat. Kristina Kallas, Estlands Bildungsministerin, stellt darin eine Frage, die eigentlich jede:n von uns betrifft, nicht nur Eltern oder Lehrer:innen:

Wenn KI schon (fast) alles weiß – worauf bereiten wir uns dann eigentlich noch vor?

Kallas greift dafür auf ein Modell zurück, das viele von uns noch aus der Schule kennen: Bloom’s Taxonomie der Lernziele. Sie unterscheidet zwischen sogenannten Lower-Order Thinking Skills – Erinnern, Verstehen, Anwenden – und Higher-Order Thinking Skills – Analysieren, Bewerten, Erschaffen.

Und genau hier liegt der Punkt: KI ist in den unteren Ebenen mittlerweile brillant. Sie erinnert sich an alles, versteht Zusammenhänge, wendet Wissen an – und sie kann inzwischen sogar ziemlich gut analysieren. Was bleibt, sind die obersten beiden Stufen: Bewerten und Erschaffen. Einordnen, was wirklich zählt. Entscheiden, welchen Weg wir gehen. Neue Lösungen entwickeln, die es so noch nicht gab.

Warum das genau jetzt wichtig wird

Diese höheren Denkfähigkeiten brauchen mehr Energie und Konzentration. Also ist es wichtig, dass wir uns daran gewöhnen, uns sie regelmäßig trainieren. Sonst verkümmern sie – wie ein Muskel, der nicht bewegt wird. Und ohne eigene Analyse, Bewertung und Kreativität werden wir den Entwicklungen, die auf uns zukommen, nicht gewachsen sein. Wir werden nicht in der Lage sein, gute Entscheidungen zu treffen – weder im Umgang mit KI, noch mit den komplexen Fragen, vor denen wir als Gesellschaft stehen.

Denn parallel dazu wird unsere Welt nicht einfacher, sondern komplexer. Klimakrise, Migration, geopolitische Spannungen, wirtschaftlicher Wandel – all das hängt zusammen, beeinflusst sich gegenseitig, verzögert und verstärkt sich. Um darin gute Entscheidungen treffen zu können, reicht es nicht, Informationen zu haben. Wir brauchen ein tieferes Verständnis davon, wie sich Veränderung in komplexen Systemen vollzieht – und genau das ist der Kern von systemischem Denken.

Systemisches Denken ist für mich daher eine entscheidende Higher-Order-Thinking Fähigkeit: Beides bedeutet, nicht bei der ersten Erklärung stehenzubleiben, sondern Muster zu erkennen, verschiedene Perspektiven gegeneinander abzuwägen und daraus tragfähige, eigene Schlüsse zu ziehen. Genau diese Fähigkeiten weiterzuentwickeln, ist ein Kernanliegen von Regeneration Pioneers.

Eine kleine Übung für deine Systemdenker-Brille

Die gute Nachricht: Systemisches Denken lässt sich trainieren – oft schon mit ganz einfachen Mitteln. Hier eine Übung, die du in 15 Minuten machen kannst:

Die Reise eines Alltagsgegenstands

Nimm einen Gegenstand aus deinem Alltag zur Hand – einen Bleistift, eine Tasse, dein Handyladekabel. Egal wie unscheinbar.

Schritt 1: Schreib auf, aus welchen Bestandteilen dieser Gegenstand besteht (Holz, Graphit, Metall, Lack, Verpackung …).

Schritt 2: Wähl einen dieser Bestandteile aus und verfolge ihn zurück bis zu seinem Ursprung. Woher kommt zum Beispiel das Holz des Bleistifts?

Schritt 3: Liste jede Person auf, die mit diesem Bestandteil in Berührung gekommen ist, bevor er bei dir gelandet ist – so vollständig du kannst: die Verkäuferin im Laden, der Fahrer, der die Lieferung gebracht hat, der Lagerlogistiker im Großhandel, die Person, die den Container beladen hat, die Schiffsbesatzung, die Werksarbeiter:innen, die Sägewerker, die Forstarbeiterin, die den Baum gefällt hat …

Schritt 4: Halt kurz inne und schau dir die Liste an. Wie viele Menschen, Länder und Systeme (Logistik, Handel, Natur, Arbeit) waren nötig, damit dieser eine unscheinbare Gegenstand bei dir landen konnte?

Diese Übung zeigt eindrücklich, wie viele unsichtbare Verbindungen hinter den einfachsten Dingen stecken – und schärft genau die Fähigkeit, die wir brauchen, um auch größere, abstraktere Systeme zu durchschauen: Zusammenhänge sehen, wo auf den ersten Blick keine sind.

Dranbleiben lohnt sich

Probier die Übung diese Woche einmal aus – und schreib mir, welcher Gegenstand es war und wie lang deine Liste am Ende geworden ist. Mich interessiert wirklich, was dabei zusammenkommt.

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